Jeder Zweite von uns hat laut Statistik in seinem Leben eine Begegnung mit Krebs. Viele Krebserkrankungen haben heute, vorausgesetzt, sie werden früh erkannt, gute Chancen auf Heilung. Für Prostatakrebs liegen sie bei 90 Prozent und höher. Andere Krebserkrankungen wie Brust- oder Lungenkrebs sind nach wie vor nicht heilbar, wenn sie Tochtergeschwülste, sogenannte Metastasen, gebildet haben. Für davon betroffene PatientInnen geht es uns klinischen Onkologen um eine das Leben verlängernde Therapie, die ihnen die individuell gewünschte Lebensqualität erhält oder bringt.

Der an Krebs erkrankte Mensch soll möglichst lange sein Leben so leben, wie es ihm gefällt. Er soll Familienfeste feiern, reisen und wenn er will auch arbeiten können. Ein solch lebenswertes Leben mit Krebs ist dank moderner Therapien gut möglich. Wir machen beispielsweise große Fortschritte bei der biologischen Therapie, der sogenannten Immuntherapie.

Doch sowohl die Krebserkrankung als auch ihre biologische Behandlung können Nebenwirkungen verursachen, die die Lebensqualität der Erkrankten einschränken: Mit entzündeten Schleimhäuten zum Beispiel schmerzt das Schlucken oder man hat Durchfall. Beides wirkt sich auf den Alltag aus und verschlechtert die Lebensqualität.

Lebensqualität ist heute Mittelpunkt der Krebstherapie

Wobei ich zwischen der objektiven (Verfassung) und der subjektiven (Befinden) Lebensqualität unterscheiden möchte. Seit die Lebensqualität in den Mittelpunkt der Krebstherapie gerückt ist, versuchen wir, sie objektiv zu messen: mit standardisierten und individualisierten Verfahren wie Fragebögen zum Selbstausfüllen oder psychologischen Gesprächen zum Beispiel.

Sie helfen, die subjektive Lebensqualität der PatientInnen zu erkennen, denn nur auf die kommt es letztlich an. Ein Beispiel: Eine Chemotherapie kann Haarausfall verursachen. Das ist eine Nebenwirkung, die die Lebensqualität des Erkrankten zumindest aus medizinischer Sicht, also objektiv betrachtet, nicht verschlechtert. Doch der Patient, Mann wie Frau, kann den Haarausfall als eine große Einbuße an Lebensqualität empfinden!

Für uns Ärzte ist es deshalb von Bedeutung, in Kommunikation mit den PatientInnen zu treten, um herauszufinden, was für ihn Lebensqualität heißt: Stört ihn der Haarausfall oder nicht? Erst mit dem Wissen darum können wir abschätzen, welche konkrete Krebstherapie ihm am besten hilft, mit seinem Krebs zu leben, ohne an Lebensqualität einzubüßen.

Keine Zeit für den Austausch von Befindlichkeiten?

Die Kommunikation zwischen Arzt und PatientIn wird so zur Basis einer erfolgreichen Therapie. Doch sie braucht Zeit. Angesichts der in unserer Gesellschaft gegenwärtigen Ressourcenreduktion ist Zeit jedoch das, woran es im Umgang miteinander mangelt. Ich plädiere dennoch dafür, diese Zeit aufzubringen: Wir sind eine kulturvolle Gesellschaft und müssen unsere Kultur ausbauen. Ein Leben mit Krebs gehört für viele zum Alltag, da nehme ich uns Ärzte selbstverständlich nicht aus. Wir müssen Wege finden, die wirtschaftlichen Hindernisse zu überwinden, um uns Zeit für einander nehmen zu können!

Die kommunikative Krebstherapie braucht zudem Vertrauen. Das Vertrauen des Kranken fußt auf beidseitiger Aufklärung. Wir Onkologen sind für die Wahl der individuellen Therapie auf die Bereitschaft des Erkrankten angewiesen, uns sein Befinden mitzuteilen.

Neue Krebsmedikamente bringen mehr Mobilität

Die neuen, wahlweise oral einnehmbaren Medikamente gegen Krebs brauchen die Bereitschaft des Patienten zu Therapietreue. Er muss sie schließlich auch dann schlucken, wenn er weiß, dass sie ihm unangenehme Nebenwirkungen verursachen. Vorzüge der oralen Einnahme wie Unabhängigkeit von der in der Klinik zu verabreichenden Infusion, also höhere Mobilität, kommen nur zum Tragen, wenn der mit ihnen erzielte Wirkstoffspiegel im Körper erhalten bleibt. Solche Medikamente sind also nicht für alle PatientInnen geeignet. Älteren oder dementen PatientInnen zum Beispiel verabreichen wir die Medikamente daher wie gewohnt in von uns Ärzten kontrollierbarer Weise.