Wie bekannt ist das Multiple Myelom als Krankheitsbild?

Wir wissen, dass es in Österreich rund vier Neuerkrankungen pro hunderttausend Einwohner pro Jahr gibt. Das heißt, man kann mit etwa 300 bis 350 Neuerkrankungen jährlich rechnen. Das bedeutet, dass man die Krankheit schon einigermaßen gut kennt, auch wenn sie deutlich seltener auftritt als andere Krebserkrankungen wie Brust-, Darm- oder Lungenkrebs.

Wie gut wird die Krankheit heute erkannt? Gibt es da noch eine Dunkelziffer?

Das sind jene Fälle, die bekannt sind – diagnostiziert und auch behandlungspflichtig. Wir wissen, dass die Krankheit eine sehr lange Vorphase haben kann, die völlig symptomfrei abläuft. Dies kann über Jahre gehen, mit nur wirklich minimalen Veränderungen im Laborbefund, jedoch ohne Beschwerden.

Sobald aber im weiteren Verlauf Symptome auftreten, wird die Erkrankung früher oder später erkannt. Die häufigsten Anzeichen sind Knochenschmerzen und eine Blutarmut. Bei der Blutuntersuchung fällt weiters eine sehr typische Veränderung mit erhöhten Eiweißwerten auf, woraus sich dann die korrekte Diagnose stellen lässt.

Die Diagnose ist also heute kein Problem mehr. Wie sieht es denn mit der Therapie aus?

Die Erkrankung ist schon lange bekannt. Sie trägt auch den Namen Morbus Kahler, benannt nach dem Wiener Arzt Dr. Otto Kahler, der hier Ende des 19. Jahrhunderts die Symptome der Krankheit und die Knochenmarksveränderungen beschrieben hat. Damals gab es natürlich keine bekannte Therapie. Das ist bis in die 1960er-Jahre so geblieben. Daher weiß man auch sehr genau, dass diese Krankheit, wenn sie symptomatisch ist und nicht behandelt wird, einen progredienten Verlauf nimmt, der im Durchschnitt binnen sechs bis zwölf Monaten zum Tod führt.

Wie stand es damals um die Therapie?

In den 1960ern hat man erstmals eine Chemotherapie mit einem Medikament gefunden, das den Namen Melphalan trägt. Man hat entdeckt, dass diese Therapie in Kombination mit einem Kortisonpräparat zu einer Rückbildung der Krankheitsveränderungen führt, wenn auch leider nur vorrübergehend. Immerhin konnte so die mittlere Überlebenszeit auf etwa drei Jahre verbessert werden.

Wie hat sich die Therapie über die Jahre verändert?

Für ältere PatientInnen mit multiplem Myelom ist diese Variante – Melphalan plus das Kortisonpräparat – weiterhin eine Behandlungsmöglichkeit, man gibt aber heute eine sogenannte neue Substanz dazu. Bei den jüngeren MyelompatientInnen hat man im Laufe der Jahre entdeckt, dass die Chemotherapie umso besser greift, je höher sie dosiert wird.

Das hat dazu geführt, dass im Laufe der 1990er-Jahre Melphalan sehr hochdosiert eingeführt wurde und in Kombination mit einer Stammzelltransplantation verwendet wird. Das Melphalan ist in hoher Dosierung sehr wirksam gegen das Myelom, unterdrückt aber als Nebenwirkung die normale Blutbildung. Damit ist die Anzahl der normalen Blutkörperchen über etliche Wochen extrem niedrig mit entsprechenden Konsequenzen und Komplikationen, insbesondere schwerwiegende Infektionen oder Blutungen.

Wie hat man darauf reagiert?

Aus genau diesen Gründen hat man die Hochdosistherapie mit der Stammzelltransplantation kombiniert, um die Nebenwirkung der hochdosierten Chemotherapie auf die normale Blutbildung möglichst zu reduzieren. Beim Myelom setzt man die sogenannte autologe Transplantation ein, das heißt, man verwendet die Stammzellen des Patienten – im Gegensatz zur Leukämiebehandlung, wo die Stammzellen eines Fremdspenders zur Anwendung kommen.

Diese autologe Transplantation ist weiterhin eine Standardbehandlung für jüngere PatientInnen, d.h. unter 65- bis 70-Jährige ohne schwere Begleiterkrankungen. Diese neue Standardtherapie hat dazu geführt, dass wir das Überleben auf etwa weitere fünf bis sechs Jahre ausdehnen konnten.

Wie war die Entwicklung seither?

Seit der Jahrtausendwende haben weitere, entscheidende Fortschritte in der Therapie des Myeloms stattgefunden, weil einige neue, besonders wirksame Medikamente eingeführt wurden. Typischerweise sind diese neuen Medikamente keine klassische Chemotherapie mehr. Eine Gruppe davon sind sogenannte Proteasom-Inhibitoren, eine andere die sogenannten immunmodulatorischen Substanzen.

Diese Medikamente haben ihre Hauptwirkung darin, dass sie die Umgebung der Myelomzellen verändern und auf diese Weise den entarteten Zellen lebenswichtige Faktoren entziehen. Daher gehören diese Substanzen heute ebenfalls zum Standard in der Myelombehandlung. Manche davon sind orale Medikamente in Tabletten- oder Kapselform, typischerweise ebenso wie das bei allen Therapien in Kombination angewandte Kortisonpräparat.

Da es sich beim Myelom zunehmend um eine chronische Erkrankung handelt, stellt die Verfügbarkeit von Behandlungen in Tabletten- oder Kapselform einen Fortschritt für die PatientInnen dar – die Therapie wird einfacher, weil ambulant durchführbar, und dennoch ist sie sehr effektiv.