Univ. Prof. Dr. Paul Sevelda
Präsident der österreichischen Krebshilfe

Trotz verbesserter Früherkennung und Therapie sterben 25-30 Prozent der Menschen an den Folgen einer Krebserkrankung.

Palliativmedizin

Dieser letzte Lebensabschnitt kann durch offene Kommunikation zwischen dem Patienten, seinen Angehörigen und den Ärzten so gestaltet werden, dass Leid verhindert oder gelindert wird, dass wichtige Dinge bewusst erledigt werden können und dass spirituelle Wünsche erfüllt werden.

Palliativmedizin ist nach den Definitionen der Weltgesundheitsorganisation „die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten (voranschreitenden), weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt“.

 

Prioritätensetzung 

Sie geht über eine rein palliative Therapie beziehungsweise Palliation hinaus, denn nicht die Verlängerung der Überlebenszeit um jeden Preis, sondern die Lebensqualität, also die Wünsche, Ziele und das Befinden des Patienten stehen im Vordergrund der Behandlung.

Etwa 25 – 30 Prozent der Todesfälle gehen auf die Diagnose Krebs zurück. Damit steht Krebs an zweiter Stelle der Todesursachenstatistik. Auch wenn wir weit mehr als 50 Prozent aller Krebskranken so behandeln können, dass sie gesund am Leben bleiben, wird die Diagnose Krebs mit Leiden, Abhängigkeit und Sterben in Verbindung gebracht. Bis vor 20 Jahren wurde gerade dieser Bereich sowohl von der Ärzteschaft, aber noch viel mehr von der eigenen Familie und der Gesellschaft einfach ausgeblendet. Dank der Hospizbewegung und der Entwicklung der Palliativmedizin zu einem eigenständigen Fachbereich in der Medizin hat sich das in den letzten Jahren geändert.

 

Kommunikation

Wenn man Krebskranke, die in einem Stadium der Erkrankung sind, in dem Heilung oder wirksame Tumortherapie nicht mehr möglich sind, fragt, wovor sie Angst haben, so ist es nie der Tod an sich, sondern meistens das Leiden vor dem Tod, die Abhängigkeit von anderen Menschen, die Belastung für die Familie und die nächsten Angehörigen und auch die Ungewissheit vor der Zeit nach dem Tode.

In einem offenen Dialog mit der krebskranken Person können wir für die meisten Bereiche wertvolle Hilfeleistungen anbieten. Aber um das möglich zu machen, ist es erforderlich, im Dialog auch die Möglichkeit eines nahen Todes direkt anzusprechen. Wie kann man das, ohne zu verletzen, Hoffnungen zu nehmen und den Eindruck zu erwecken, widerstandslos zu resignieren? 

 

„Nicht die Verlängerung der Überlebenszeit, sondern die Lebensqualität, steht im Vordergrund.“

 

Selbsteinschätzung 

Ich habe gelernt, dass in den allermeisten Fällen die betroffenen Personen ihre Situation sehr realistisch einschätzen können, aber oft auch durch die Ärzte – „Wir werden Sie schon wieder gesund machen“ – oder die Familie – „Du darfst nicht aufgeben, du musst kämpfen und optimistisch in die Zukunft blicken“ – dazu gedrängt werden, Gedanken an den Tod erst gar nicht zuzulassen. Oft sind es einfache Fragen, die ich als Arzt an meine Patientin stelle, wie zum Beispiel die Frage nach der eigenen Erwartung in die Zukunft. „Glauben Sie, dass sie wieder ganz gesund werden können?“ oder „Wovor haben sie Angst ?“ oder „Haben sie sich auch damit auseinander gesetzt, wenn die Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringt?“ 

Denn nur wenn alle Schritte den Bedürfnissen der betroffenen Person entsprechen und gemeinsam gesetzt werden, können wir eine zielführende Hilfestellung bieten.