Hilde Kössler, MMSc
Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft und Koordinatorin des Mobilen Palliativteams Baden

Was bedeutet Palliative Care?

Palliative Betreuung dient dazu, jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, seinen letzten Lebensabschnitt weitgehend selbstbestimmt und würdevoll zu verbringen.
Die Kriterien der WHO (2002) besagen, dass die Lebensqualität von Menschen und deren Angehörigen, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind, verbessert werden soll. Dies geschieht durch Prävention und Linderung von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, Einschätzen und Behandeln von Schmerzen und anderen physischen, psychosozialen und spirituellen Problemen.
Mit Hilfe eines multiprofessionellen Teams werden Lebensqualität und Selbstbestimmung des Menschen in seinem letzten Lebensabschnitt – wir reden hier von Wochen, Monaten, manchmal auch Jahren - radikal in den Mittelpunkt der Begleitung gestellt.

Was beinhaltet Palliative Care (PC) genau?

Palliativstationen oder –konsiliardienste stehen in den meisten Krankenhäusern zur Verfügung, während mobile Palliativteams Patienten und deren Angehörige zu Hause unterstützen. Im Bedarfsfall werden ehrenamtliche Hospizteams in die Betreuung miteinbezogen oder Patienten in stationäre Hospize vermittelt. Körperliches Leiden wird gelindert und Komplikationen vorgebeugt, um Krisensituationen zu vermeiden. Angehörige, Hauskrankenpflege oder auch Hausärzte werden auf spezielle palliative Interventionen wie z.B. Schmerzpumpen eingeschult. Häufig müssen Lösungen für finanzielle und organisatorische Probleme gefunden werden. Psychosoziale und mentale Aspekte treten in den Vordergrund: Ängste des Patienten, die Annahme seines bisherigen Lebens, aber auch der Abschied aus diesem Leben, sodass friedliches Sterben möglich wird.

Weshalb ist PC wichtig für den Betroffenen, aber auch für seine Angehörigen?

Schwere Krankheit und Sterben sind immer mit schmerzhaften Fragen nach Lebenssinn, Abschied und Trauer verbunden. Wir leben in Beziehungen, und wenn ein Teil der Beziehungen an und über die Grenzen der Belastbarkeit kommt, nehmen existentielle Angst, Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins überhand. Erfahren Menschen Hilfe in der Symptombekämpfung und Krisenvorsorge, werden sie ermächtigt, sich selbst bzw. ihren Lieben zu helfen. Durch die Stabilisierung des Umfelds kann die Sorge vor Würde- und Kontrollverlust nachlassen und Lebensgenuss wieder möglich werden.Auch wenn dieser Lebensabschnitt von großer Trauer geprägt ist, bedeutet ein Begleiten aus dem Leben oft, dass die Angst vor dem eigenen Sterben gemindert wird.

Warum wird die Lebensqualität im Endstadium verbessert und das Leben möglicherweise sogar noch verlängert?

Studien geben Hinweise darauf, dass neben der Lebensqualität auch die Lebensdauer durch frühzeitig einsetzende palliative Betreuung gesteigert wird.
Im Krankheitsverlauf sind immer wieder Entscheidungen über das Ausmaß medizinischer Interventionen zu treffen. Um zu wissen, was dieser Mensch braucht, muss mit ihm geredet, ihm zugehört und versichert werden, dass seine Wünsche respektiert werden. Spezielle Symptomtherapie stärkt den Körper, die Vernetzung aller Versorgungsstrukturen und das Einbeziehen der Angehörigen geben Sicherheit und die Möglichkeit, Kraft zu schöpfen.
Wird ein achtsamer, verstehender Dialog über Prognose, Ängste und Therapieziele mit Erfahrung und Einfühlungsvermögen geführt, entstehen Vertrauen und Sicherheit. Diese wiederum führen zu einem weniger von Symptomen und Angst belasteten Sterbeverlauf.

Was kann ich als Patient / Familienmitglied unternehmen?

Die Versorgung mit Palliativ- und Hospizeinrichtungen in Österreich ist sehr unterschiedlich. Selbst dort, wo eine Flächendeckung erreicht ist, bedeutet dies keine Bedarfsdeckung. Informieren Sie sich bei den verschiedenen Anlaufstellen in Österreich über sämtliche palliativ-hospizlichen Einrichtungen in Ihrer jeweiligen Region. Auch Patienten und Angehörige selbst haben in jedem Versorgungskontext das Recht, palliative oder hospizliche Betreuung anzuregen.