Welche Schritte muss ein Krebspatient bei der Rückkehr ins Berufsleben unternehmen?

Solche ersten Schritte sind wenig definiert. Hier ist Eigeninitiative gefragt, obwohl einen die Erkrankung schon mehr als genug fordert. Abgesehen von der Krankschreibung gibt es ja nichts, was man definitiv machen muss. Wichtig erscheint mir aber, dass man ein offenes Gespräch mit dem Arbeitgeber über die Situation führt.

Also ist das für jeden Patienten ein anderer Prozess?

Es kommt auf die Art und den Status der Krebserkrankung an. Aber auch in welchem Beruf die Person tätig ist, muss bedacht werden: Sitzt sie vor dem Computer oder wird sie stark körperlich beansprucht? Welche Ressourcen hat die Firma, um ihm vielleicht eine andere Tätigkeit zu geben? Das ist mitunter in einer Firma mit 300 Personen leichter als in einem Drei-Mann-Betrieb. Es gibt kein Patentrezept, nur Engagement.

Inwieweit kann der Arzt bei der Rückkehr in die Arbeitswelt helfen?

Medizinisch können wir den Patienten bei der Wiedereingliederung beraten. Aber dabei geht es auch um arbeitsrechtliche und versicherungstechnische Fragen, die unsere Kompetenz als Mediziner überschreiten. Natürlich werden wir häufig von PatientInnen befragt, aber wir können meist keine Antworten geben. Das Hauptproblem ist aus meiner Sicht, dass die Ansprechpartner nicht klar definiert sind.

Am besten wären eigentlich dafür ausgebildete Coaches, die einen in dieser Phase betreuen. Ein positives Beispiel ist die Organisation Cancer Survivors, wo Betroffene Erkrankten in diesen Fragen helfen.

Was macht die Eingliederung denn so schwierig?

Das ist auch für den Arbeitgeber keine einfache Situation, da er ja auch nicht weiß, wie es konkret weitergeht. Hier handelt es sich um lange Krankenstände, die häufig mit Frühpensionierungen einhergehen. Da die Krebsrisikogruppe auch im Bereich von 50 bis 64 Jahren liegt, also in einer Lebensphase, in der viele Menschen noch erwerbstätig sind und hier die Zahl der Erkrankungen noch steigen wird, müssen sich Unternehmer verstärkt dem Thema Wiedereingliederung von Mitarbeitern mit Krebserkrankungen widmen.

PatientInnen berichten, wie sie zwischen Pensionsversicherung, Krankenkasse und AMS hin- und hergeschoben wurden. Das kann schon ein unangenehmer Hürdenlauf sein, der sehr belastet.

Wie können Arbeitgeber und Kollegen PatientInnen unterstützen?

Wichtig ist, dass man mit der Situation offen und sensibel umgeht. Man muss verstehen, dass diese Menschen häufig andere Prioritäten als vor der Erkrankung setzen und sich ihre Ressourcen anders einteilen. Auch Spielräume für Erholung und Ruhephasen sind nötig und werden häufig anders genutzt. Wenn man das alles offen kommunizieren kann, wird schon sehr viel Stress abgebaut.

Gleichzeitig darf der Patient aber auch nicht von seinen Kollegen uneingeschränkte Hingabe erwarten. Bei der Arbeit steht ja nun einmal nicht – wie etwa bei der Familie – der soziale Zusammenhalt im Vordergrund, sondern die gemeinsame Leistung, da gelten andere Anforderungen und Erwartungen. Auch darf man die Ängste der Kollegen nicht als unsensibel betrachten, sondern sollte mit ihnen darüber sprechen.

Das klingt nicht einfach. Warum muten sich die Wiedereingliederung trotzdem so viele Krebskranke zu?

Zum einen natürlich, weil ihnen gar nichts anderes übrigbleibt. Nehmen sie einen alleinerziehenden Elternteil mit zwei Kindern – da geht es vor allem darum, seine Arbeit zu behalten. Hat man seine Stelle erst einmal verloren, ist es leider gar nicht so leicht, wieder eingestellt zu werden, wenn man mit der Erkrankung offen umgeht. Und wenn man sie bei der nächsten Stelle verschweigt, kann das ein sehr belastendes Versteckspiel werden.

Aber es geht dabei nicht nur um das wirtschaftliche Überleben, oder?

Nein – es gibt natürlich auch andere Fälle. Arbeit hat in unserer Kultur als Sinnstiftung einem extrem hohen Stellenwert. Das Gefühl, gebraucht zu werden und produktiv zu sein, ist sehr wichtig fürs Wohlbefinden und spielt damit auch für den Genesungsprozess eine wichtige Rolle.

Die Möglichkeit, an den Arbeitsplatz zurückzukehren und dadurch berufliche wie soziale Netzwerke aufrechtzuerhalten, sind deshalb wesentliche Bestandteile eines erfolgreichen Behandlungsprozesses. Arbeit gibt Sinn, ermöglicht einen regelmäßigen Tagesablauf und hilft, sich mit anderen Themen als mit der Erkrankung auseinanderzusetzen.

Wie ist es denn gerade in Österreich um die Wiedereingliederung von Erkrankten bestellt?

Grundsätzlich haben wir ein gutes Sozialsystem. Problematisch wird es aber, wenn man länger erkrankt ist. Ich würde mir wünschen, dass man einen Teilzeitkrankenstand einführt. Statt des ganztätigen Krankenstandes käme es der Lebensrealität von chronisch Kranken sehr viel näher, wenn man die Krankschreibungen derartig flexibilisieren würde.