Wie waren Sie als Kind bzw. Jugendlicher, bevor Ihnen Krebs diagnostiziert wurde?

Ich spielte sehr gerne Fussball. Das war mein Leben, meine Leidenschaft. Als ich erkrankte, hat sich mein Leben ein wenig verändert. Aber ich war ein glückliches Kind.

Können Sie sich an den Tag erinnern, als Sie die Diagnose bekommen haben?

Es war ein besonderer Tag. Ich war mit meinen Eltern im Spital und hatte das Glück, einen sehr guten Arzt zu haben, der uns alles ganz genau erklärte. Er verlangte von mir, jeden Tag drei gute Fragen im Zusammenhang mit dem Krebs zu stellen. Dieser Arzt gab mir das Gefühl, mich niemals anzulügen. Das war sehr wichtig für mich damals. Er sprach immer darüber, dass jeder Verlust ein Gewinn sei. Wir sollten den Verlust verstehen.

Wie lebt ein Jugendlicher mit Krebs?

Was mir fehlte sind Abteilungen für Jugendliche. Jugendlich zu sein, ist außerhalb des Krankenhauses schon kompliziert genug. Aber drinnen ist es das mindestens genauso. Leben mit Krebs ist in jedem Alter gleich. Man hat die Energie, die Kraft. Es ist nicht traurig zu sterben. Was traurig ist, ist nicht zu leben!

Wie erlebten das Ihre Eltern und Freunde?

Krebs ist eine Krankheit, die nicht nur du hast, sondern deine ganze Familie, deine Freunde. Ich denke, die Begleitpersonen erleben den Krebs sogar trauriger. Aber der Kampf gegen den Krebs ist gleich. Man muss imstande sein, jede Minute zu nutzen.

Was hat Ihnen den Mut zum Überleben gegeben?

Vor allem die Gruppe, die mich im Krankenhaus umgab. Wir waren sieben Jungs – einem fehlte ein Bein, einer hatte nur einen Lungenflügel – mit dem gemeinsamen Wunsch, zu leben. Die Unterstützung durch Familie und Freunde war auch sehr wichtig. Wir wussten, wir konnten früh sterben, also schlossen wir einen Pakt mit dem Leben. Wir mussten für die Verstorbenen leben, d.h. deren Wünsche erfüllen.

Deshalb habe ich jetzt in mir 4,7 Leben. Schlussendlich sind das Leben, der Tod und die Verluste eigentlich Gewinne. Ich habe nicht einen Lungenflügel verloren, sondern gelernt, dass man mit der Hälfte von dem, was man hat, leben kann. Und seit sie mir einen Teil der Leber in Sternform entfernt haben, denke ich immer, dass ein Sheriff in mir lebt. (lacht!) Glücklichsein und Humor haben uns die ganze Zeit sehr geholfen.

Erinnern Sie sich an einen Wunsch?

Ein Wunsch war es eine Filmserie zu machen, um das Bild vom Krebs zu ändern. Denn Krebs ist nicht immer traurig, ist nicht nur Kinder ohne Haare oder Chemotherapie. So kam es, dass ich „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ schrieb und die Serie „Club der roten Bänder“ machte. Das war der wichtigste Wunsch.

Im dem Buch erzählen Sie von wundervollen Glücksregeln für den Tag. Welche waren diese?

Im Krankenhaus gab es einen Satz: Für das Leben muss man leben – das dürfen wir nicht vergessen. Und lächeln! Viele Menschen sind so besorgt, dass sie vergessen zu lächeln. Es ist doch besser, mit einem Lächeln auf den Lippen zu leben als ohne! Schlussendlich ist es das Wichtigste, jeden einzelnen Tag zu nutzen. Diese Einsicht hinterließ mir der Krebs.  

Haben Sie ein paar Tipps, wie die Betroffenen das schaffen könnten?

Ich glaube, dass alle, die Krebs haben, das ganz genau wissen. Der Krebs ist eine weise Krankheit, der dir einiges nimmt, aber dir dafür andere Dinge gibt. Wichtig ist es, Freunde zu finden und über den Krebs zu reden. Ich glaube auch, dass Berühren und Umarmen essenziell ist, denn das verliert man eigentlich als erstes.

Haben Sie solche Menschen um sich gehabt?

Viele Ärzte und Krankenpflegepersonal streichelten und umarmten uns oft. Ich hatte auch einige Krankenhaus-Eltern. Das waren alte Menschen, die schon lange im Krankenhaus lagen. Nachts wurden sie zu meiner Krankenhaus-Mama oder Krankenhaus-Papa. Sie gaben mir viele Ratschläge. Den Satz: Jeder Verlust ist ein Gewinn! bekam ich von einer unglaublichen, neunzigjährigen Frau. Sie brachte mir bei, dass jeder Verlust im Leben, zu einem Gewinn werden kann, wenn ich es richtig handhabe.

Was könnten die Familie oder die Ärzte besser machen?

Der Patient sollte immer die Wahrheit erfahren. Dafür fehlt in den Krankenhäusern häufig die Gelegenheit zu Gesprächen. Doch die sind wichtig, um den Mut nicht zu verlieren. Dein Leben hört nicht auf in dem Moment der Erkrankung. Ich sagte immer, ich werde nicht wegen des Krebses sterben, sondern vor Langeweile.

Und trotzdem erinnern Sie die Zeit im Krankenhaus als eine sehr glückliche Zeit. Warum das?

Das Glücksgefühl entstand aus der Tatsache, dass wir verstanden haben, jederzeit sterben zu können. So lernt man, jeden Tag voll zu nutzen. Ich glaube, dass die Menschen mit der Angst vor dem Tod leben. Wir hatten das nicht!

Vorher erwähnten Sie kurz, dass Sie ein Bein verloren haben. Wie war das für Sie?

Ich habe eine Abschiedsfeier für das Bein gehabt, die sehr schön und intensiv war. Nach der Amputation empfand ich keinen Phantomschmerz. Wahrscheinlich, weil ich mich so gut verabschiedet hatte. (lacht) Nachdem ich mein linkes Bein verloren habe, stehe ich jeden Tag mit dem rechten Fuss auf. Das ist doch gut, oder? (lacht).

Macht Ihnen dieser Verlust heute etwas aus?

Nein! Man sollte sich im Leben niemals fragen: Warum? Das zieht immer Traurigkeit und Depressionen nach sich. Wenn du glaubst, alle Antworten gefunden zu haben, kommt das Universum und verändert die Fragen. Meine Beinprothese ist 50 Prozent österreichisch und 50 Prozent deutsch. Das Leben kann dir sogar Nationalitäten geben, die du dir nie erwartet hättest. Das muss man doch glücklich annehmen.

Ihr letztes Buch „Club der blauen Welt“ spricht davon, „sein Chaos zu lieben“. Was heißt das?

Einer meiner Krankenhaus-Papas sagte: das Chaos ist das, was den Unterschied in der Welt ausmacht. Jeder hat sein eigenes Chaos, seine Persönlichkeit. Man sollte es nicht ändern, sondern lieben. Es sind diese kleinen Unterschiede, die die Menschen besonders machen und uns bereichern. „Club der blauen Welt“ will genau das wiedergeben.

Was hat Sie nach zehn Jahren Krebs eigentlich gerettet?

Das Kämpfen! Das ist etwas, das oft vergessen wird.

Erholt man sich von so etwas oder hinterlässt es für immer Spuren?

Das traurige Bild vom Krebs verbunden mit viel Schmerz ist eigentlich das Endstadium der Krankheit. Ich hatte in den zehn Jahren keine Schmerzen. Es passieren im Leben einfach gute, aber auch schlechte Dinge. Man kann sich nicht nur gute Dinge erwarten. Denn alles gehört dazu! Der Unterschied ist lediglich, wie man damit umgeht!