Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat
Leiter der Universitätsklinik für Urologie an der Medizinischen Universität Wien

Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern. Gibt es dafür eine Erklärung?

Das Prostatakarzinom stellt heute regelrecht eine Epidemie dar. In Studien haben wir junge Männer zwischen ihrem 20. und 30. Lebensjahr untersucht, die bei Autounfällen verstorben sind: Bei einem Viertel bis einem Fünftel von ihnen konnten wir schon veränderte Zellen in sehr frühen Stadien feststellen. Diese brauchen natürlich sehr lange, bis sie klinisch relevant werden. In Zukunft werden Karzinome die Hauptursache für den Tod sein, denn durch die Fortschritte im kardiovaskulären Bereich leben wir immer länger – und bekommen häufiger Krebs.

Was passiert bei einer Krebserkrankung genau, beispielsweise beim Prostatakarzinom?

Prostatakrebs ist eine Entartung von Zellen der Vorsteherdrüse. Diese Zellen verlieren die Kontrolle und wachsen rapide. Dadurch zerstören sie die Zellen in ihrer Nachbarschaft oder in anderen Organen. Gründe für die Zellveränderung liegen entweder in den genetischen oder epigenetischen Faktoren. Im letzteren Fall sind das Veränderungen, die unser Erbgut im Laufe des Lebens verzeichnet.
Krebszellen sind sehr unterschiedlich, obwohl sie alle unter dem Mikroskop ganz einfach als solche erkannt werden können. Doch die Realität ist komplexer: Wir müssen uns fragen, welche Fähigkeiten die Zellen haben, ob sie das Potential haben zu streuen und wie sie andere Zellen vernichten. Es gibt deshalb auch nicht nur das eine Prostatakarzinom, sondern eine unheimlich große Bandbreite an Prostatakrebs. Das gibt uns auch die Möglichkeiten, die Therapie individuell auf den Patienten abzustimmen.

Wie wird Prostatakrebs therapiert?

Die ideale Medizin der Zukunft ist eine individualisierte Therapie, die nicht nur das Karzinom in Betracht zieht, sondern auch auf die Interessen und Wünsche der Patienten eingeht. Es ist wichtig zu verstehen, dass viele Karzinome heute wesentlich früher entdeckt werden, etwa durch den PSA-Test. PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen, ein Eiweißstoff, der in der Prostata gebildet wird und mittels dessen wir Hinweise auf ein Karzinom gewinnen können. Doch es ist wichtig, dass der PSA-Test intelligent eingesetzt wird. Nicht jeder, der früh mit einem Karzinom diagnostiziert wird, braucht zwingend eine Behandlung. Vielleicht reicht auch eine aktive Überwachung aus (die sog. Active Surveillance) – erst wenn das Karzinom sein Verhalten verändert, greifen wir ein. Diese Art des Umgangs mit Krebs wird zu wenig eingesetzt. Wir haben im Augenblick eher die Problematik, dass viele Männer übertherapiert werden.
Bei Männern, welche eine Therapie brauchen, sind die Chancen auf Heilung groß. Chirurgie und Bestrahlung mit verschiedener Methodik, oder eine Kombination dieser, können zur Heilung führen. Das wichtigste ist, dass die Therapie von einem qualifizierten Chirurgen oder Strahlentherapeuten durchgeführt wird, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Einige Institute registrieren ihre Therapieresultate und teilen ihr Wissen und Erkenntnisse mit anderen Spezialisten, das ist von Vorteil und in Österreich nicht selbstverständlich. Nach wie vor eine wichtige Rolle spielt hier auch die Forschung, ohne die keine Fortschritte in der Krebsmedizin denkbar sind.

Kann man selbst präventiv einem Karzinom entgegenwirken?

Es gibt immer Faktoren, die Karzinome begünstigen. Vom Rauchen wissen wir beispielsweise, dass es zwar kein Karzinom herbeiführen kann, aber dessen Wachstum und Therapieresistenz negativ beeinflusst. Wichtig ist die Prävention durch Früherkennung, zusammen mit einer weniger aggressiven, minimalen Therapie. Darin sehe ich die Kunst des medizinischen Managements der Karzinome.