Univ.-Prof. Dr. Werner Scheithauer
Experte für Tumore des Magen-Darm-Traktes, AKH Wien

Gibt es klassische Symptome, die bei Darmkrebs auftreten?

Darmkrebs verursacht gerade zu Beginn kaum Beschwerden, sondern erst mit der zunehmenden Ausbreitung. Abgesehen von blutigen Stühlen (bei Mastdarmkrebs) liegen meist nur unspezifische Symptome wie Bauchschmerzen, anhaltende Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit oder Gewichtsverlust vor, die nicht selten als alltäglich angesehen werden. Tatsächlich entwickelt sich Darmkrebs bei über 90 Prozent aller Patienten aus einem gutartigen Polypen – einer Schleimhautwölbung im Darm - wobei die Entartung zum Tumor bis zu zehn Jahren dauern kann. Diese Polypen könnten bei einer Vorsorge-Darmspiegelung, die ab dem 50. Lebensjahr empfohlen
wird, lokalisiert und abgetragen werden. Die Entstehung eines bösartigen Tumors könnte so bereits frühzeitig abgewendet werden.

Welche Therapiemöglichkeiten stehen bei metastasiertem Darmkrebs derzeit zur Verfügung?

Nach Diagnosestellung wird jeder Patient heute in einem interdisziplinären Tumorboard, einer Konferenz von Ärzten unterschiedlicher Fachgebiete inklusive Radiologie, Gastroenterologie, Onkologie, Strahlentherapie und Pathologie diskutiert. Dabei werden die Prognose, das im Einzelfall realisierbare Therapieziel und die dafür bestmögliche Therapiestrategie besprochen und festgelegt. In fortgeschrittenem Stadium, also wenn das Karzinom nicht operabel ist, stehen heute nebst einer konventionellen Chemotherapie eine Reihe von wirksamen Biologika zur Verfügung. Dabei handelt es sich um zielgerichtete Immuntherapeutika, die bestimmte Signale im Kommunikationsprozess der Krebszellen stören. Eingesetzt werden die Biologika zumeist in Kombination mit einer Chemotherapie bei Patienten mit metastasierter Erkrankung.

Wie wird ein personalisierter Therapieansatz entwickelt?

Nach Beschluss des Tumorboards erfolgt die Behandlung des Patienten auf individueller Basis. Abgesehen von Patientencharakteristika - wie biologisches Alter, Begleiterkrankungen und körperlicher Verfassung - und laborchemischen Bestimmungen von Leber- und Nierenfunktion werden heute auch Tests angewendet, die bis zu einem gewissen Grad die Prognose bzw. eine Vorhersage der Wahrscheinlichkeit eines Therapierfolges mit einem bestimmten Medikament zulassen.

Wie funktioniert der Test und wo wird dieser durchgeführt?

Es gibt zwei unterschiedliche klinisch relevante Tests, die von Pathologen mittels Immunhistochemie direkt am Präparat des Tumors bzw. einer Gewebsentnahme durchgeführt werden. „BRAF“ ist ein sogenannter Prognosemarker, der - wenn von den Tumorzellen in mutierter Form dargestellt- als ungünstig gewertet werden muss. Bei etwa acht Prozent aller Patienten, bei denen diese Tumore auftreten, wird daher eine intensivere Therapie verwendet.
„RAS“ ist ein gleichfalls erst vor kurzem entdecktes Protein, ein Biomarker, der - wenn nicht mutiert – die Wahrscheinlichkeit eines Therapieerfolges mit bestimmten Biologika vorherzusagen vermag.

Werden diese Tests bei allen Patienten durchgeführt?

Der Einsatz dieses Tests richtet sich nach dem Schweregrad bzw. dem Stadium der Darmkrebserkrankung. Im Stadium der Fernmetastasierung erfolgt diese Bestimmung heute bereits routinemäßig bei allen Patienten.

Wie sehen die Aussichten auf Heilung bei Darmkrebs aus?

In einem frühen Stadium ist die Chance auf vollkommene Genesung durch eine operative Entfernung des Tumors sehr hoch. Aber auch bei weiter fortgeschrittenem Darmkrebs können durch chemotherapeutische oder strahlentherapeutische Zusatzbehandlungen gute Langzeiterfolge erzielt werden, durch die neuen Therapiemöglichkeiten selbst im Stadium der Metastasierung. Das Heimtückische an Darmkrebs ist, dass er so lange im Verborgenen wächst und dadurch oft erst zu spät diagnostiziert wird. Die Teilnahmerate an den Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung ist in Österreich sehr gering, wobei eine Koloskopie etwa alle acht bis zehn Jahre ausreichend ist. Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter kontinuierlich an: Würde jeder die kostenlose Darmspiegelung ab dem 50. Lebensjahr wahrnehmen, könnte sich die Sterblichkeitsrate um bis zu 90 Prozent verringern lassen.