Univ.-Prof. Dr. Richard Greil
Vorstand der 3. Universitätsklinik für Innere Medizin in Salzburg

Univ.-Prof. Dr. Greil, bitte stellen Sie den Blutkrebs/Lymphdrüsenkrebs kurz vor: Mit wem bekommen es Patienten zu tun?

Lymphdrüsenkrebs und Chronische Lymphatische Leukämien (CLL) sind Tumorerkrankungen des lymphatischen Abwehrsystems. In zwei Dritteln der Fälle finden sich tumoröse Schwellungen im Bereich der lymphatischen Organe, in einem Drittel sind die Tumore außerhalb in Gehirn, Lunge, Darm, Haut, Herz und so weiter ausgebildet.

Zeigt sich der Krebs mit typischen Symptomen?

Im Falle der Chronisch Lymphatischen Leukämie (CLL) ist die Krankheit typischerweise auf Blut, Lymphknoten, Knochenmark und Milz beschränkt. Die Mehrzahl der Patienten ist dabei symptomfrei und es handelt sich um einen Zufallsbefund, in dem eine Erhöhung der weißen Blutkörperchen entdeckt wird. In anderen Fällen wird eine Vergrößerung von tastbaren Lymphknoten an Hals, Achselhöhle oder Leiste beziehungsweise eine Milzvergrößerung entdeckt. Bei manchen Patienten fallen als Erstsymptome wiederkehrende Infektionen als Ausdruck der Abwehrschwäche, Auflösung roter Blutkörperchen mit Blutarmut, Blutungen, Gewichtsverlust, starker Nachtschweiß oder ungeklärtes Fieber auf.

Welche Prognose gibt es für den Blutkrebs?

Die Prognose ist oft sehr gut und viele Patienten benötigen über viele Jahre keine Therapie. Es sind aber auch extrem aggressive Verläufe mit einem Überleben von etwa zwei Jahren möglich.

Was sollte der Patient wissen, wenn er die Diagnose Blutkrebs bekommt?

Zunächst sollte der Patient nicht verzweifeln. Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten exzellenter Behandlung, sofern überhaupt eine Behandlungsindikation zum Diagnosezeitpunkt gegeben ist.

Wirkt es nicht beängstigend, wenn nicht sofort behandelt wird?

Wir wissen heute, dass eine frühzeitige Behandlung nicht indiziert und ohne Gewinn für den Patienten ist. Das heißt: Eine beobachtende Haltung in den frühen Stadien ist daher Ausdruck der guten Prognose und nicht Ausdruck einer Aussichtslosigkeit, in dem Sinne, dass alles verloren sei.

An wen wendet sich der Patient, der die Diagnose Blutkrebs bekommen hat, am besten?

In jedem Fall sollte der Patient eine Abklärung und Betreuung an einer Abteilung für Hämatologie und Onkologie suchen. Dabei sollte eine hohe Qualifikation für die Behandlung dieser Erkrankung gegeben sein.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Blut- und Lymphdrüsenkrebs?

Wie gesagt, im Falle einer Behandlungsindikation haben wir heute zahlreiche Möglichkeiten, die es erlauben, die Intensität der Behandlung an Alter, Begleiterkrankungen, Allgemeinzustand und soziale Rahmenbedingungen anzupassen. Wenn möglich sollte versucht werden, die Tumormasse zurückzudrängen, da dies mit den besten Überlebenszeiten verbunden ist. Dies erfolgt mit einer Kombination aus Chemotherapie plus einer Antikörpertherapie.

Gibt es in Sachen Therapie Neuigkeiten?

Alleine im letzten Jahr sind drei neue Medikamente zur Behandlung der CLL zugelassen worden und zahlreiche neue Medikamente  werden getestet. Dazu gehören etwa Wirkstoffe, die natürliche Killerzellen und andere T-Lymphozyten aktivieren und die körpereigene Immunabwehr gegen die Leukämie richten. Andere Medikamente heben den Mechanismus auf, durch den die Leukämiezellen die natürlichen Abwehrzellen lähmen. Dies führt zu einem Erstarken der körpereigenen Abwehr gegen die Krebszellen. Auch werden gentherapeutische Maßnahmen mit Erfolg geprüft, in denen die Abwehrzellen künstlich eine intakte Abwehrmaschinerie übertragen bekommen, die die Resistenz der Tumorzellen gegen das Immunsystem aufheben kann.

Wie trägt auch Österreich zu Forschungsfortschritten bei?

Wir legen an der III. Medizinischen Universitätsklinik in Salzburg, Salzburg Cancer Research Institute (SCRI), einen besonderen Schwerpunkt auf die Erforschung der Mechanismen, die zur Entwicklung und zum Fortschreiten der Erkrankung führen und auf die Entwicklung chemotherapiefreier Behandlungsmethoden.

 

 

Univ.-Prof. Dr. Günther Steger
Medizinische Universität Wien, Klinische Abteilung für Onkologie

Univ.-Prof. Dr. Günther Steger, welche Rolle spielt Brustkrebs in Österreich?

Pro Jahr erhalten etwa 5.600 bis 5.800 ÖsterreicherInnen die Diagnose Brustkrebs, etwa 1 Prozent davon sind Männer. Brustkrebs ist in der westlichen Welt die häufigste Krebserkrankung bei Frauen – Tendenz steigend. Brustkrebs bekommt somit eine zunehmende gesellschaftliche Bedeutung.

Warum bekommen großteils Frauen Brustkrebs?

Die weibliche Brust ist eines der hormonabhängigen Organe. Der fortwährend wechselnde Hormonstatus - verursacht von Monatszyklus, gegebenenfalls Schwangerschaft und Stillen sowie den Wechseljahren – erhöht das Risiko für bösartige Gewebsveränderungen.

Wie steht es heute um die Heilung von Brustkrebs?

Gut! Wir sind heutzutage in der Lage, 80 Prozent der BrustkrebspatientInnen zu heilen. Je früher die Diagnose gestellt und daraufhin die optimale Therapie begonnen wird, desto besser sind die Aussichten auf eine Heilung. Frauen sollten gerade deshalb ihre Brust regelmäßig selbst untersuchen und bei Veränderungen zum Arzt gehen. Grundsätzlich haben wir es inzwischen geschafft, dass aus der akut tödlichen Krankheit Brustkrebs oft eine chronische wird, mit der man mit andauernder Therapie Jahre leben kann – selbst bei metastasierendem Krebs. Und mit „leben“ meine ich ein lebenswertes Leben!

Was erwartet Patienten nach der Diagnose?

Die Behandlung des Brustkrebses wird immer auf den spezifischen Krebstyp und die Patientin zugeschnitten. An der Therapie arbeiten in den hierzulande flächendeckend verteilten spezialisierten Tumorzentren, angesiedelt an Universitäten und Krankenhäusern, Mediziner verschiedener Fachbereiche (sogenanntes interdisziplinäres Tumorboard). Unsere Medikamente werden stetig besser. Inzwischen arbeiten wir mit Chemotherapien, die kaum noch Nebenwirkungen verursachen. So können viele Frauen trotz Therapie berufstätig sein und ihre Rolle in Partnerschaft, Familie und Gesellschaft ausfüllen.

Welche neuen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Bewährt haben sich in den letzten Jahren bei dem von Hormonen abhängigen Krebs zum Beispiel antihormonelle Therapien, die nach der Operation anstelle einer Chemotherapie und teilweise auch schon vor einer operativen Entfernung des Tumors angewendet werden. Damit gelingt es häufig, den Krebs schrumpfen oder verschwinden zu lassen. So können wir die Brust – entgegen den Befürchtungen vieler Patientinnen – oft erhalten. Österreich hat gerade in Sachen Brusterhalt große Erfolge zu verzeichnen. Ein anderes Beispiel: Die bewährte Behandlung des Brustkrebses HER2-positiv mit Antikörper Trastuzumab haben wir in Österreich in nur wenigen Monaten flächendeckend umgesetzt. Das ist internationale Spitze.
Dazu muss man wissen: Wenn wir den HER2-positiven Brustkrebs mit den genannten Mitteln schon frühzeitig therapieren können, sprich: idealerweise zum Zeitpunkt der Diagnose des Krebses mit der Medikamentenverabreichung beginnen, setzen wir das Risiko, dass sich Metastasen (sogenannte Tochtergeschwulste) bilden, erheblich herab.

Sie engagieren sich in der ABCSG, der Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group. Besteht Aussicht auf neue Therapien?

Immer. Ein Schwerpunkt unserer Forschung gilt dem hochaggressiven Brustkrebs. Wir sind den Krebszellen dicht auf der Spur, die sich besonders schnell vermehren.

Was wünschen Sie sich als Krebsforscher?

Die österreichische Krebsforschung ist international erfolgreich, gleichwohl wir kaum von öffentlicher Hand unterstützt werden, sondern auf akademische Privatinitiativen angewiesen sind. Wir können nur forschen, wenn wir die Mittel dafür haben. Und davon – mit Verlaub gesagt – gibt‘s nie genug.