Prim. Univ. Prof. Dr. Heinz Ludwig
Leiter der 1. Medizinischen Abteilung mit Onkologie des Wilhelminenspital Past-Präsident der Europ. Gesellschaft für med.Onkologie (ESMO ) und Präsident des Österreichischen Forums gegen Krebs

Onkologie beschäftigt sich mit Prävention, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen sowie mit Nachsorge und Rehabilitation von Betroffenen. Krebs entsteht als Folge von Fehlsteuerungen in unserem genetischen Apparat. Ein einziger Defekt kann eine Katastrophe auslösen, meist sind allerdings mehrere Veränderungen notwendig, die eine Zelle zur Tumorzelle transformieren. Mehr als 200 verschiedene Krebserkrankungen können heute unterschieden werden. 

Paradoxerweise sind Krebserkrankungen erst durch bedeutende Erfolge der Medizin in den Vordergrund getreten. Der medizinische Fortschritt im letzten Jahrhundert hat gemeinsam mit verbesserten hygienischen und sozialen Bedingungen zum bemerkenswerten Anstieg unserer Lebenserwartung geführt, und damit auch den Boden für die Entstehung von Krebserkrankungen aufbereitet. Krebs ist eine Erkrankung vorwiegend des mittleren und höheren Lebensalters. 

Untersuchungsergebnisse der letzten Jahrzehnte machen deutlich, dass wir einen beträchtlichen Anteil der Krebserkrankungen durch gesundheitsbewussten Lebensstil vermeiden könnten. Ausreichende, regelmäßige körperliche Betätigung, gesunde Ernährung, und Vermeidung von Schadstoffen sind der Schlüssel zur Reduktion des Krebsrisikos. Mehr darüber finden Sie im Innenteil dieser Spezialausgabe. Mittlerweile sind moderne Screeninguntersuchungen zur frühzeitigen Erfassung von Krebserkrankungen etabliert. Dies funktioniert bei einer handvoll verschiedener Krebserkrankungen, wie Gebärmutterhals- Dickdarm-, Brust-, Prostata-, und Hautkrebs. Bei der überwiegenden Mehrzahl der Krebserkrankung stehen derartige Maßnahmen nicht zur Verfügung. 

Beachtliche Fortschritte wurden auf diagnostischem Gebiet erreicht. Zahlreiche neue bildgebende Diagnoseverfahren wie Ultraschall, Computertomographie Magnetresonanztomographie und Positronentomographie wurden eingeführt. Auf dem Gebiet der laborchemischen, mikroskopischen und molekularen Diagnoseverfahren ist es zu einer wahren Revolution gekommen. 

Bedeutende Erfolge sind auf therapeutischem Gebiet gelungen. Operationstechniken wurden verfeinert, die Radikalität vieler Eingriffe bei erhöhtem Nutzen zurückgenommen und die Strahlentherapie zu einem genau auf den Tumor begrenzten Therapieverfahren weiter entwickelt. Die größten Erfolge wurden allerdings auf dem Gebiet der medikamentösen Krebsbehandlung erzielt. Seit 1949 erstmals Chemotherapie zur Krebsbehandlung eingesetzt wurde, konnte die Wirkung und Spezifität der Krebsmedikamente deutlich verbessert werden. Weiters wurden wirksame Hormon- und Immuntherapien entwickelt. Die Einführung eines Medikaments einer neuen Substanzklasse, hat zu einem Paradigmenwechsel bei einer früher unbefriedigend zu behandelnden Leukämieform geführt. 

 

„Forschung und Innovation der letzten Jahrzehnte haben beachtliche Erfolge ermöglicht.“

 

Eine Tablette pro Tag bringt die Leukämie zum Verschwinden und führt die Lebenserwartung der Betroffenen an jene‚ gesunder Vergleichspersonen heran. Mittlerweile wurden zahlreiche ähnliche Medikamente für gezielte Therapien, die bestimmte Defekte in der Steuerzentrale von Krebszellen neutralisieren, zur Behandlung verschiedener Krebserkrankungen eingeführt. Das Betreuungsverhältnis zwischen Betroffen und Betreuungsteam hat sich fundamental von einem primär hierarchisch strukturierten zu einer partnerschaftlichen Beziehung gewandelt. In dieser wird auf die vielfältigen Bedürfnisse der Erkrankten eingegangen sowie psychologische Unterstützung angeboten. Für interessierte Patienten, die Rat, Information und Austausch mit anderen Patienten suchen, stehen zahlreiche Einrichtungen wie Selbsthilfegruppen Internetforen und Krebshilfe zur Verfügung. 

Die oben genannten medizinischen Maßnahmen haben zu einer Reduktion der Krebsinzidenz und zu höheren Heilungsraten bei zahlreichen Krebserkrankungen geführt. Wenn Heilung nicht möglich ist, kann oft ein längeres Überleben mit der Erkrankung bei guter Lebensqualität ermöglicht werden. Trotz dieser beeindruckenden Erfolge sind noch äußerst umfangreiche, langwierige globale Forschungsarbeiten erforderlich, um das Ziel einer Gesellschaft in der Krebs zum Großteil vermieden und, falls es zur Erkrankung kommt, kurativ behandelt werden kann, zu erreichen.